Archiv für den Monat: September 2015

Besser Lesen – Schritt für Schritt

Besser lesen wollen doch alle, aber niemand kann Ihnen garantieren, dass ihr Kind eine Leseratte wird, aber es gibt Möglichkeiten, mit der Mädchen und Jungen leichter lesen lernen.

Ihr Kind liest bereits fast jeden Text flüssig und dazu auch noch gern. Dann kann ich Ihnen nur gratulieren. In jeder Klasse gibt es diese kleinen Bücherwürmer und Leseexperten.
Aber es gibt auch die vielen anderen: die, die langsam lesen, Wörter mit sehr vielen Buchstaben manchmal gar nicht entziffern können, den Sinn oft nicht verstehen und deshalb auch nie Spaß am Lesen entwickeln.
Warum ist das so? Die Vermutung, dass es nur eine Frage der Übung ist, bis sich langsame zu schnellen Lesern entwickeln, bestätigt sich nur in den seltensten Fällen. In der Regel lesen langsame Leser in Klasse 2 auch zwei Jahre später in Klasse 4 kaum schneller als zuvor. Der wahre Grund: Langsame Leser setzen die Informationen anders um als schnelle. Sie verarbeiten Buchstaben grundsätzlich im Kurzzeitspeicher – und bleiben dieser Methode auch später treu. Leider, denn sie bedeutet, bewusst über etwas nachzudenken, was normalerweise automatisch abläuft.
Es kostet Zeit, ist anstrengend und fehleranfällig, wenn man jedes Mal neu überlegt, welchen Lauten zum Beispiel die Buchstaben B und A und L und L zugeordnet werden müssen und dass sie zusammengezogen das Wort BALL ergeben. Kinder, die auf diese Weise lesen, haben ihr Gehirn noch nicht dazu gebracht, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu verarbeiten. Diese Parallelverarbeitung ist jedoch der Schlüssel, wenn es darum geht, bei einer Sache schneller zu werden und damit besser lesen zu können Der Ort für unbegrenztes paralleles Arbeiten ist das Langzeitgedächtnis. Hier können Informationen bis zu 1000-mal so schnell umgesetzt werden. Gute Leser profitieren davon gleich mehrfach: Sie lesen schnell, mühelos und nahezu fehlerfrei.
Ob Kinder mit dem Kurz- oder Langzeitspeicher arbeiten, wird in der Regel dem Zufall überlassen. Grundsätzlich ist es aber jedem Kind möglich, das Lesen zu automatisieren.

1. Buchstaben benennen

Werden die ersten Buchstaben gelernt, heißt das natürlich noch nicht, bald besser lesen zu können. Aber trotzdem nimmt Ihr Kind dadurch die Welt schon anders wahr. Ihm fällt zum Beispiel auf, wie oft bestimmte Laute (zum Beispiel A und K) zu hören sind.
Richtig üben: Mit wenigen Buchstaben geht’s los. Erst werden alle großen Buchstaben gelernt, später die kleinen – so kommt das Kind nicht durcheinander. Die Reihenfolge, in der die Buchstaben gelernt werden, ist übrigens nicht beliebig! Wenn sie ähnlich klingen (M und N) oder zu ähnlich aussehen (d, b, q, p), fällt das Lernen sofort schwerer. Die ideale Reihenfolge, die Verwechslungen ausschließt, sieht so aus:
A M L U F S I N B O W E R G D H K T Ä P Z Ö V C J Ü X Y
und später
a m l u f s i n b o w e r g d h k t ä p z ö v c j ü x y ß

Immer wichtig:

Alle Buchstaben werden bei ihrem Laut genannt, also M statt Em und P statt Pe.

Verankern im Langzeitspeicher:
Schauen Sie den neuen Buchstaben gemeinsam an und sprechen Sie ihn aus. Anschließend verdecken Sie ihn einen kurzen Moment. Wieder aufgedeckt, bitten Sie Ihr Kind, ihn auszusprechen. Nach einigen Wiederholungen verlängern Sie den Zeitraum des Verdeckens etwas, um den Buchstaben tiefer im Gedächtnis Ihres Kindes zu verankern.
Genauso wichtig: Jede Aufgabenstellung muss immer auf die gleiche Art wiederholt werden. Kinder brauchen exakt die gleichen Abläufe, um sich bestimmte Denkmuster einzuprägen.
Ideal ist die Arbeit mit Farbfeldern, weil sie mit einem psychologischen Kniff arbeiten: Das Kind benennt dabei abwechselnd den Buchstaben und verschiedene Farben. Damit es das gut schafft, muss es den Buchstaben in Richtung Langzeitgedächtnis schieben – auf diese Weise wird das Kurzzeitgedächtnis ausgetrickst.
Was Sie unbedingt vermeiden sollen: zu schnelles Vorgehen! Schenken Sie Ihrem Kind die Zeit, die es braucht, um alle bisherigen Buchstaben wirklich zu beherrschen. Dann erst wenden Sie sich einem neuen zu.

2. Buchstaben zusammenziehen

Mit diesem Schritt können Sie beginnen, wenn Ihr Kind die beiden Buchstaben M und A leicht und sicher beherrscht. Sobald es versteht, dass Laute zusammengezogen werden können, weiß es, wie Lesen funktioniert. Schreiben Sie für diesen Lernschritt A und M auf jeweils ein Kärtchen. Um das Prinzip zu begreifen, genügt es vollkommen, mit zwei Buchstaben zu arbeiten.

Richtig üben: Legen Sie die zwei Buchstabenkärtchen nebeneinander und Ihren Finger auf das M. Sprechen Sie „M“ (nicht Em!). Schieben Sie den Finger auf das A und sagen „A“. Anschließend legen Sie den Finger wieder auf das M und sagen „M“, schieben den Finger weiter auf das A und ziehen die beiden Buchstaben zu „MA“ zusammen. Wichtig ist, dass Ihr Kind Ihrem Finger mit den Augen folgt, damit es anschließend wiederholen kann, was Sie gerade vorgemacht haben. Schafft es das noch nicht, fangen Sie einfach noch einmal von vorn an.

Verankern im Langzeitspeicher:

Nachdem Ihr Kind einige Male die Buchstaben richtig zusammengezogen hat, lenken Sie es durch eine einfache Frage ab. Etwa: „Welche Farbe hat der Tisch?“ Nach der Beantwortung liest Ihr Kind erneut die Silbe.
Wenn Ihr Kind das Zusammenziehen von MA sicher beherrscht, wird es spannend: Vertauschen Sie die Buchstabenreihenfolge zu AM. Gehen Sie dabei so vor wie oben beschrieben. Unbedingt vermeiden: jetzt schon Verbindungen aus Konsonanten bilden wie KR oder ST

3. Die Blickrichtung beim Lesen richtig steuern

Gute Leser können sechs bis acht Buchstaben auf einmal erfassen und gleichzeitig die Bedeutung des Wortes verstehen. Anfänger schaffen das noch nicht. Sie heften den Blick fest auf den einzelnen Buchstaben, dann auf den nächsten und so weiter.

Richtig üben: Damit sich der Blick zunehmend öffnen kann, muss die Augenbewegung beim Lesen richtig gesteuert werden. Das passiert, wenn zunächst grundsätzlich von links nach rechts gelesen wird. Alle Spielereien in der Textgestaltung sind deshalb zu diesem frühen Zeitpunkt kontraproduktiv.

Verankern im Langzeitspeicher:

Üben Sie täglich mit Ihrem Kind fünf bis sieben Minuten lang. Nutzen Sie dabei Texte, die ideale Voraussetzungen erfüllen. Unbedingt vermeiden: Textgestaltung mit Bildelementen. Falls Sie geeignete, aber bebilderte Texte finden, am besten abtippen und in großer Schrift ausdrucken. Oder: Text kopieren und die Bilder abkleben.

4. Erste Wörter und Texte besser lesen

Ihr Kind fühlt sich bei einfachen Wörtern bereits recht sicher? Glückwunsch! Ihr Kind und Sie haben schon viele Hürden gemeistert. Auf dieser Basis kann es wunderbar aufbauen.

Richtig üben: Wenn die folgenden Punkte zutreffen, sind Sie auf der sicheren Seite, dass die Texte ideal für Leseanfänger sind:

Die Schrift ist schön groß und im Flattersatz geschrieben.

Die Schriftart ist besonders eindeutig, weil sich zum Beispiel das große I und das kleine l deutlich voneinander unterscheiden.
Die Sätze sind kurz und lebendig in der Wortwahl.
Die Satzmuster und Wörter wiederholen sich.
Auf der Seite befinden sich keine Bilder, die von der Schrift ablenken könnten.
Verankern im Langzeitspeicher:
Weiterhin täglich fünf bis sieben Minuten lang üben. Das genügt, wenn Sie im Blick behalten, dass in dieser Zeit auch wirklich konzentriert geübt wird. Steigern Sie dabei den Schwierigkeitsgrad aber nur ganz langsam.
Unbedingt vermeiden: Lesen findet zunächst einmal ohne Bedeutung statt. Solange das Kind noch Ka-nin-chen zusammenzieht, sollte es nicht schon den Sinn eines Textes erfassen müssen. Das wird ihm sowieso leichtfallen, wenn der eigentliche Lesevorgang automatisiert worden ist.

5. Verstehen, was man liest

Nicht nur Erstklässler wissen selten, was sie gelesen haben. Auch Kinder, die bereits flüssig lesen, verstehen oft nicht, worum es im Text geht. Das liegt daran, dass sie für die Technik lange Zeit so viel Energie benötigen, dass fürs Verständnis nichts übrig bleibt. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum so viele Kinder genau dann, wenn es mit dem Lesen schon ganz gut klappt, trotzdem für sich die Entscheidung treffen: „Besser lesen ist nicht mein Ding.“

Meistens steckt folgender Gedanke dahinter: Das Kind glaubt, bereits auf dem Höhepunkt des –besser Lesen Könnens angelangt zu sein, und schlussfolgert: „Das macht keinen Spaß.“ Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass Sie Ihrem Kind weiterhin vorlesen und ihm dabei ab und zu sagen, dass es genau auf diese Weise auch lesen können wird, wenn es weiterhin so fleißig ist.

Richtig üben: Jedes Kind genießt die ungeteilte Aufmerksamkeit bei Mama oder Papa auf dem Schoß und ist deshalb auch bereit, für diese schönen Momente selbst etwas zu geben. Seine Anstrengungsbereitschaft zum Beispiel, wenn abwechselnd gelesen wird. Gemeinsames Lesen in gemütlicher Atmosphäre hilft übrigens auch fortgeschrittenen Schülern, die noch keine flüssigen Leser sind besser lesen zu können Sie trainieren dabei nicht nur ihre Lesekompetenz, sondern lernen unbewusst auch, sich selbst Ziele zu setzen und sich an Prinzipien zu halten, wie „Vor dem Einschlafen lese ich immer mindestens drei Seiten“.

Quelle: Eltern
Die Leselern-Methode von Jansen und Streit